Das wahre Glück finden - doch wo hat es sich versteckt?

Teile 6 - 10

Teil 7 - So schnell kann es Freitag werden

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich entspannt genug bin, um endlich einzuschlafen. Tausend Dinge schießen mir durch den Kopf. Manchmal schleicht sich sogar ein kleines Schamgefühl in meine Gedankengänge und ermahnt mich daran, dass es eigentlich nicht richtig war, solange mit der Wahrheit hinter dem Rücken zu halten. Schon viel früher hätte ich Sven sagen müssen, dass ich längst nicht mehr zufrieden bin in unserer Beziehung. Dann versuche ich mir einzureden, dass er es ja von sich aus hätte bemerken müssen! Schließlich kennt er mich doch seit vielen Jahren und müsste wissen, wie ich die ein oder andere Sache sehe. Oder doch nicht? War ich jemals richtig ehrlich zu ihm? Wie dem auch sei, ich beschließe, ihm in Zukunft immer offen und ehrlich meine Sicht der Dinge zu schildern. Mit dem Gedanken drehe ich mich auf die Seite und schlafe ein.

Morgens um sieben Uhr klingelt der Wecker. Ich bleibe noch kurze Zeit auf dem Sofa liegen und krabbel dann verschlafen unter der Decke hervor. Zum Glück fängt Sven heute erst um zehn Uhr an zu arbeiten, also genug Zeit, um unbemerkt aus dem Haus zu verschwinden. Eine Diskussion noch vor der Arbeit empfinde ich als sinnlos und mit schlechter Laune möchte ich den Tag nicht beginnen.
Ich dusche noch schnell, schmiere mir zwei Brote und mache mich dann auf den Weg.
Durch meine Eile bin ich zehn Minuten zu früh da und warte so in der Kälte darauf, dass meine Kollegin, Frau Stein, endlich kommt und die Tür aufschließt. Die Stadt hatte beschlossen, dass nur die ältesten und vertrauenswürdigsten Mitarbeiter ein Recht auf einen eigenen Schlüssel hätten. Besonders dann, wenn mal eine der Ausgewählten krank ist, sind wir Bösen absolut begeistert, dass wir noch bei denen vorbeifahren müssen um den Schlüssel abzuholen. Ich merke, wie ich innerlich schon wieder Minuspunkte sammel, die ich irgendwann einmal aufzählen kann, wenn ich bei der Bücherei kündige und mir einen neuen Job suche.
Genau in dem Moment kommt Elisabeth Stein die Treppe zum Eingang hochgelaufen und begrüßt mich freundlich. "Na, Kindchen, ist das nicht ein wunderschöner Tag heute?"
"Ja, natürlich", nicke ich, "so wie jeder Tag wunderschön ist!"
Kurz strahlt sie mich begeistert an, bis sie die Ironie hinter dem Satz bemerkt. "Oh, Laura, was hast du denn nur?" Besorgt schaut sie mich an. Einen kurzen Moment fühle ich mich so, als würde ich vor meiner Oma stehen. Am liebsten würde ich mich ihr an den Hals werfen und ihr all meine Sorgen und Nöte aufschwatzen. Doch ich reiße mich zusammen, erinnere mich daran, dass meine Oma bereits seit drei Jahren tot ist und antworte stattdessen: "Ach, alles halb so wild! Hatte nur ein bisschen Stress mit meinem Freund!"
"Das sieht mir aber nach sehr viel Stress aus!" Sie schließt die Tür auf und läuft schon voraus. Langsam folge ich ihr. "Weißt du was?", fragt sie mich.
"Nein, was denn?"
"Ich koche uns jetzt eine schöne Kanne Kaffee und du erzählst mir, was gestern zwischen dir und deinem Freund los war! Glaub mir, wenn man sich den ganzen Frust von der Seele geredet hat, geht es einem gleich viel besser!"
Ich seufze. Am liebsten würde ich ablehnen, doch stattdessen nicke ich nur und ziehe meine Jacke aus. Was würde es schon schaden, wenn ich ihr mein Herz ausschütte? Bald wird sowieso alles besser sein, wenn Sven sich mein Ex nennt und ich mir in irgendeiner Stadt in einer anderen Welt einen neuen Job gesucht habe!
Ach ja, denke ich, hoffentlich ist bald Freitag und ich kann endlich mal abschalten.

Zwei Stunden später sitze ich bereits wieder in meinem Auto und bin auf dem Weg zu unserer Wohnung.
Elisabeth hat sich den Streit bis ins kleinste Detail beschreiben lassen. Aufgebracht saß sie da und beschimpfte Sven als "Nichtsnutz", "Dummkopf" und "Blitzmerker". Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Ausführungen teilweise etwas übertrieben hatte, doch auf jeden Fall fühlte ich mich richtig gut. Es freute mich, dass sie mich so gut verstand und ganz und gar auf meiner Seite war.
Schließlich stand sie auf, wühlte stumm in einigen Unterlagen und kam dann wieder freudestrahlend zu mir.
"Schau mal, Laura", sagte sie, "insgesamt hast du noch dreißig Überstunden hier stehen. Die kannst du gerne einlösen und für heute und morgen Urlaub nehmen! Dann kannst du schon jetzt zu deinen Eltern fahren und über alles in Ruhe nachdenken!" Andächtig nickte sie mir zu. "Weißt du, es ist nämlich wichtig, dass man sich Klarheit verschafft! So kann es ja nicht zwischen euch weitergehen. Das weißt du sicherlich ebenfalls!"
Ich fand die Idee gigantisch. Schnell zog ich mir wieder meine Jacke an, bedankte mich bei Elisabeth und verschwand dann in windeseile aus der Bücherei.
Und jetzt sitze ich hier und überlege, wie ich es am besten machen sollte. Soll ich gleich meine Sachen packen und mit Sack und Pack verschwinden? Ich könnte vorübergehend sicher bei meinen Eltern wohnen und mir dann in aller Seelenruhe eine Wohnung suchen. Oder sollte ich vielleicht doch nur über's Wochenende verschwinden und Sven danach noch eine Chance geben? Natürlich mit bestimmten Bedingungen an die er sich auf jeden Fall halten soll.
Nachdenklich fahre ich durch die Stadt, wäge die verschiedenen Möglichkeiten ab und komme dann schließlich zu einem Entschluss.

2 Kommentare 7.12.06 20:16, kommentieren

Teil 6 - Die schonungslose Wahrheit

"Das kannst du doch jetzt nicht damit vergleichen, Schatz! Au?erdem finde ich es ein wenig unfair, dass du mich jetzt auf einmal mit solchen Dingen konfrontierst!"
Er findet es unfair! Und ich soll mich jetzt vermutlich f?r meinen Wutausbruch entschuldigen, dann in die K?che gehen und Spaghetti kochen und die Welt ist wieder in Ordnung. Aber die Nummer zieht nicht mehr!
"Es interessiert mich nicht, ob du das unfair findest! Ich habe es satt, einen Langweiler wie dich als meinen Freund bezeichnen zu m?ssen!"
Mit verengten Augen schaue ich auf ihn herab. Ich f?hle mich auch gerade viel gr??er, m?chtiger und st?rker als er.
"Erinnerst du dich eigentlich daran, wie lange es her ist, als wir das letzte Mal gemeinsam etwas unternommen haben?"
Ich bekomme ein z?gerliches nein als Antwort. Warum war mir das nur vorher schon klar? Gerade will ich ihm den letzten Tag nennen, da f?llt mir ein, dass selbst ich mich nicht dran erinnern kann. Fassungslos ?ber diese traurige Wahrheit setze ich mich neben ihn auf das Bett.
"Siehst du", sage ich zu ihm und diesmal klingt meine Stimme neutral und nicht etwa zu laut, "nichtmal ich kann mich einfach so daran erinnern."
Meine Gedanken kreisen um die letzten beiden Monate. Doch es will mir partout kein Tag einfallen, an dem Sven und ich etwas gemeinsam unternommen haben.
Erschrocken dar?ber, dass unsere letzte gemeinsame Unternehmung an einem Badesee gewesen sein muss, schaue ich ihn an. "August."
"August?", fragt er vorsichtig nach.
"Ja, im August waren wir schwimmen. Am Badesee, wei?t du nicht mehr?"
"Doch, klar", schwindelt er. Im L?gen ist er schon immer schlecht gewesen.
"Und an dem Tag haben wir auch zuletzt etwas gemeinsam unternommen. ?hnlich lange d?rfte es her sein, als wir das letzte Mal miteinander geschlafen haben!"
Geschockt guckt er mich an, so als h?tte ich gerade etwas verbotenes gesagt. "Na ja, man muss ja nicht immer etwas unternehmen! Und Sex ist mir sowieso nicht so wichtig!"
Langsam kehrt meine Wut wieder zur?ck. "Du hast Recht, Sven. Immer muss man auch nicht etwas unternehmen. Man muss auch nicht jeden Tag Sex haben! Aber wir unternehmen ja nichtmal einmal im Monat was zusammen! Und Sex haben wir noch seltener! Meinst du, so stelle ich mir den Rest meines Lebens vor? W?re ich ein Mann, h?tte ich genauso gut eine Gummipuppe heiraten k?nnen! Aber selbst mit der h?tte man vermutlich mehr Spa?! Die m?sste man zumindest nicht ?berreden, wenn man mal Lust auf Sex hat!"
"Wir k?nnen ja jetzt, wenn du willst...?"
Ich klatsche mit meiner flachen Hand gegen meine Stirn und zeige ihm anschlie?end den Vogel. "Sag mal, Sven, willst du mich verarschen? Du glaubst doch nicht allen ernstes, dass ich jetzt nach diesem Gespr?ch noch Lust auf Sex mit dir habe!"
Er schaut mich triumphierend an. "Ich habe mal geh?rt, Vers?hnungssex soll der beste ?berhaupt sein!"
"Oh mein Gott", rufe ich. Das ist das einzige, was mir dazu noch einf?llt.
Seufzend stehe ich auf, schnappe mir die Bettdecke und ein Kopfkissen und verlasse dann wortlos das Zimmer.
"Was ist denn nun?", br?llt Sven mir hinterher.
"Ich schlafe im Wohnzimmer. Gute Nacht!" Demonstrativ ?ffne ich noch einmal die Schlafzimmert?r und knipse dann das Licht aus.
Auf dem Sofa mach ich es mir schlie?lich gem?tlich und h?nge noch ein wenig meinen Gedanken nach. Irgendwie f?hle ich mich gut, nach dem nun fast alles gesagt wurde.
Zum Gl?ck ist morgen schon Donnerstag. Am Freitag werde ich meine Sachen packen und bis auf weiteres zu meiner Mutter fl?chten. Vorher werde ich Sven allerdings noch einiges um die Ohren werfen! Er soll ruhig richtig begreifen, dass unsere Beziehung derzeit nur noch an einem seidenen Faden h?ngt.

- Fortsetzung folgt -

2 Kommentare 22.11.06 18:26, kommentieren