Das wahre Glück finden - doch wo hat es sich versteckt?

Teil 7 - So schnell kann es Freitag werden

Es dauert noch eine ganze Weile, bis ich entspannt genug bin, um endlich einzuschlafen. Tausend Dinge schießen mir durch den Kopf. Manchmal schleicht sich sogar ein kleines Schamgefühl in meine Gedankengänge und ermahnt mich daran, dass es eigentlich nicht richtig war, solange mit der Wahrheit hinter dem Rücken zu halten. Schon viel früher hätte ich Sven sagen müssen, dass ich längst nicht mehr zufrieden bin in unserer Beziehung. Dann versuche ich mir einzureden, dass er es ja von sich aus hätte bemerken müssen! Schließlich kennt er mich doch seit vielen Jahren und müsste wissen, wie ich die ein oder andere Sache sehe. Oder doch nicht? War ich jemals richtig ehrlich zu ihm? Wie dem auch sei, ich beschließe, ihm in Zukunft immer offen und ehrlich meine Sicht der Dinge zu schildern. Mit dem Gedanken drehe ich mich auf die Seite und schlafe ein.

Morgens um sieben Uhr klingelt der Wecker. Ich bleibe noch kurze Zeit auf dem Sofa liegen und krabbel dann verschlafen unter der Decke hervor. Zum Glück fängt Sven heute erst um zehn Uhr an zu arbeiten, also genug Zeit, um unbemerkt aus dem Haus zu verschwinden. Eine Diskussion noch vor der Arbeit empfinde ich als sinnlos und mit schlechter Laune möchte ich den Tag nicht beginnen.
Ich dusche noch schnell, schmiere mir zwei Brote und mache mich dann auf den Weg.
Durch meine Eile bin ich zehn Minuten zu früh da und warte so in der Kälte darauf, dass meine Kollegin, Frau Stein, endlich kommt und die Tür aufschließt. Die Stadt hatte beschlossen, dass nur die ältesten und vertrauenswürdigsten Mitarbeiter ein Recht auf einen eigenen Schlüssel hätten. Besonders dann, wenn mal eine der Ausgewählten krank ist, sind wir Bösen absolut begeistert, dass wir noch bei denen vorbeifahren müssen um den Schlüssel abzuholen. Ich merke, wie ich innerlich schon wieder Minuspunkte sammel, die ich irgendwann einmal aufzählen kann, wenn ich bei der Bücherei kündige und mir einen neuen Job suche.
Genau in dem Moment kommt Elisabeth Stein die Treppe zum Eingang hochgelaufen und begrüßt mich freundlich. "Na, Kindchen, ist das nicht ein wunderschöner Tag heute?"
"Ja, natürlich", nicke ich, "so wie jeder Tag wunderschön ist!"
Kurz strahlt sie mich begeistert an, bis sie die Ironie hinter dem Satz bemerkt. "Oh, Laura, was hast du denn nur?" Besorgt schaut sie mich an. Einen kurzen Moment fühle ich mich so, als würde ich vor meiner Oma stehen. Am liebsten würde ich mich ihr an den Hals werfen und ihr all meine Sorgen und Nöte aufschwatzen. Doch ich reiße mich zusammen, erinnere mich daran, dass meine Oma bereits seit drei Jahren tot ist und antworte stattdessen: "Ach, alles halb so wild! Hatte nur ein bisschen Stress mit meinem Freund!"
"Das sieht mir aber nach sehr viel Stress aus!" Sie schließt die Tür auf und läuft schon voraus. Langsam folge ich ihr. "Weißt du was?", fragt sie mich.
"Nein, was denn?"
"Ich koche uns jetzt eine schöne Kanne Kaffee und du erzählst mir, was gestern zwischen dir und deinem Freund los war! Glaub mir, wenn man sich den ganzen Frust von der Seele geredet hat, geht es einem gleich viel besser!"
Ich seufze. Am liebsten würde ich ablehnen, doch stattdessen nicke ich nur und ziehe meine Jacke aus. Was würde es schon schaden, wenn ich ihr mein Herz ausschütte? Bald wird sowieso alles besser sein, wenn Sven sich mein Ex nennt und ich mir in irgendeiner Stadt in einer anderen Welt einen neuen Job gesucht habe!
Ach ja, denke ich, hoffentlich ist bald Freitag und ich kann endlich mal abschalten.

Zwei Stunden später sitze ich bereits wieder in meinem Auto und bin auf dem Weg zu unserer Wohnung.
Elisabeth hat sich den Streit bis ins kleinste Detail beschreiben lassen. Aufgebracht saß sie da und beschimpfte Sven als "Nichtsnutz", "Dummkopf" und "Blitzmerker". Ich weiß nicht, ob ich mit meinen Ausführungen teilweise etwas übertrieben hatte, doch auf jeden Fall fühlte ich mich richtig gut. Es freute mich, dass sie mich so gut verstand und ganz und gar auf meiner Seite war.
Schließlich stand sie auf, wühlte stumm in einigen Unterlagen und kam dann wieder freudestrahlend zu mir.
"Schau mal, Laura", sagte sie, "insgesamt hast du noch dreißig Überstunden hier stehen. Die kannst du gerne einlösen und für heute und morgen Urlaub nehmen! Dann kannst du schon jetzt zu deinen Eltern fahren und über alles in Ruhe nachdenken!" Andächtig nickte sie mir zu. "Weißt du, es ist nämlich wichtig, dass man sich Klarheit verschafft! So kann es ja nicht zwischen euch weitergehen. Das weißt du sicherlich ebenfalls!"
Ich fand die Idee gigantisch. Schnell zog ich mir wieder meine Jacke an, bedankte mich bei Elisabeth und verschwand dann in windeseile aus der Bücherei.
Und jetzt sitze ich hier und überlege, wie ich es am besten machen sollte. Soll ich gleich meine Sachen packen und mit Sack und Pack verschwinden? Ich könnte vorübergehend sicher bei meinen Eltern wohnen und mir dann in aller Seelenruhe eine Wohnung suchen. Oder sollte ich vielleicht doch nur über's Wochenende verschwinden und Sven danach noch eine Chance geben? Natürlich mit bestimmten Bedingungen an die er sich auf jeden Fall halten soll.
Nachdenklich fahre ich durch die Stadt, wäge die verschiedenen Möglichkeiten ab und komme dann schließlich zu einem Entschluss.

7.12.06 20:16

bisher 2 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Bea / Website (8.12.06 13:36)
Darauf bin ich gespannt. Ein bisschen Abstand gibt manchmal Klarheit


Jagolina / Website (15.1.07 08:46)
Passier hier nochmal was?

Menno, bin doch so gespannt, wie es weitergeht!!

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